Wer hat schon gute Erinnerungen an die Frauen-WM 2011? Kollege Ron Ulrich in unserer Serie »Mein Highlight 2011«. Für ihn war Abby Wambachs 2:2 der USA gegen Brasilien ein wohltuender Moment nach dem übersteigerten Hype ums deutsche Team.

Es muss so vor einem Jahr gewesen sein, als die Silvesterraketen in den Nachthimmel schossen und das Jahr 2011 einläuteten. Nicht wenige in Deutschland müssen da schon darüber nachgedacht haben, wo sie denn in diesem Jahr den Weltmeistertitel der deutschen Frauen feiern würden. 2011 – das stand schließlich für das lange geplante Großereignis, das zu »Sommermärchen reloaded« werden sollte.
Eine Feier zum Turniersieg hatte da schon seinen festen Platz im Kalender wie Pfingsten oder Erntedank. Nun war das Jahr 2011 für das deutsche Nationalteam der Frauen, wie wir heute wissen, ähnlich erfolgreich wie für Theodor zu Guttenberg. Und das ist in der Rückschau betrachtet gar nicht mal schlecht.
Fußball, zweckentfremdetEs ist nicht so, dass ich dem Nationalteam (zwischendurch wurde von politisch korrekten Aufsehern gar die Verwendung des Wortes Mannschaft für den Frauenfußball unter Strafe gestellt), also den deutschen Nationalspielerinnen den WM-Titel nicht gegönnt hätte. Vielmehr gönne ich ihr Scheitern den Leuten, die in diesem Jahr den Fußball zweckentfremdet haben. Und ich gönne es dem Frauenfußball, dass Deutschland es dieses Mal nicht geschafft hat.
Vom Frühjahr bis zum Sommer nahm das Brimborium um das Turnier nicht mehr aufzuhaltende, absurde Züge an. Es kulminierte in dem »Tatort« mit Steffi Jones, Theo Zwanziger und anderen Fußball-Prominenten, der an anderer Stelle schon gewürdigt wurde. In der an Tiefpunkten nicht gerade armen »Tatort«-Reihe 2011 nahm dieses Stück den Spitzenplatz unter den plattitüdengeschwängerten Produktionen ein.
Gegen das Machotum dieser Welt Doch auch andere drehten kräftig am Rad der Entrücktheit: In Berlin verkleideten sie anlässlich des Turniers ein Stadion mit Spiegeln, die die Schönheit des Spiels symbolisieren sollten, es kam eine Birgit-Prinz-Barbie auf den Markt, Fatmire Bajramaj grüßte von jedem Plakat, Politiker hielten Reden und die Feuilletonisten schrieben sich die Finger wund, was dieses Ereignis für die Rolle der Frau bedeuten würde. Es war, als würde Silvia Neid elf Alice Schwarzers auf das Feld schicken, die gegen das komplette Machotum dieser Welt antreten und mit einem Turniersieg die Herdprämie pulverisieren sollten.
Und: Alle wussten, dass Deutschland den Titel holt. Das Turnier an sich störte fast, holt die Fahnen raus, es ist wieder »Schwarz-Rot-Geil«-Zeit.
Dann schied das deutsche Team gegen Japan aus. Man war froh, dass ob der nationalen Bestürzung die restlichen Spiele nicht abgesagt wurden. Denn einen Tag später kam das, was der eigentliche Gewinn des Turniers war. Das, was mehr für den Frauenfußball tat, als jede Imagekampagne vermochte.