Zur Champions League Zwischenrunde traf in Potsdam der deutsche Meister auf den Schottischen. Während die Geschehnisse auf dem Platz monoton dahin plätscherten, spielte sich auf der Tribüne Herzzerreißendes ab.

Vorweg muss ich zugeben, dass ich ein Faible für die britischen Inseln habe. Dies könnte Auswirkungen auf das subjektive Empfinden der Geschehnisse des 2. Novembers 2011 gehabt haben. Es begab sich, dass bei der Auslosung der
Zwischenrunde in der Champions League Turbine Potsdam das Glück hatte, auf den schottischen Serienmeister
Glasgow City zu treffen. Glück natürlich für Potsdam, die eigentlich schon am Tag der Auslosung für die nächste Runde planen konnten. Das Hinspiel fand im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam statt, so blieb wenigstens noch ein wenig Motivation erhalten sich das Spiel trotz der Witterung anzuschauen, denn wer wusste es schon, vielleicht hatten die Schottinnen ja einen Wundertrank von Miraculix bekommen.
Schotten wie sie im Buche stehenDem war nicht so, in den ersten 25 Minuten machte Potsdam den Sack mit 3:0 zu. Das Highlight hatte daher wenig mit dem Geschehen auf dem Feld zu tun – mit Ausnahme von Lisa Evans, die im Alleingang die Abwehr der Turbine schwindelig spielte und an dieser Stelle noch mal Erwähnung finden sollte. Viel eindrucksvoller war, was sich auf der Tribüne abspielte, um genau zu sein im Bereich der Glasgower Bank. Dort hatte sich
ein kleines Grüppchen von Auswärtsfans versammelt, mutmaßlich wurde ein großer Teil davon von Familienmitgliedern und Freunden der Mannschaft gestellt. Vor dem Spiel dekorierten sie die Absperrung zum Spielfeld mit Luftballons in Kürbis-Optik. Auch sonst waren sie gut an ihrem neonorangefarbenen Fanutensilien zu erkennen. In der Menge saß eine ältere Dame, die aus einer Fawlty Towers Folge hätte entsprungen sein können: Tweed-Kostüm, dazu eine Wachsjacke, in der einen Hand eine Kippe, in der anderen einen Becher Bier, der wie magisch stets halbvoll oder eben halbleer war. Halb säuselnd halb krächzend verkündete sie den Spielerinnen auf dem Feld im regelmäßigen Abstand »We're behind you«. Ja, sie war noch da, auch als das Spiel beim Stand von 10:0 abgepfiffen wurde.
Klatschorgien, Tränen und HarmonieDie letzte Viertelstunde über beklatschten die Turbine Anhänger ihre Mannschaft, die einfach nicht mit dem Toreschießen aufhören wollten und die gegnerische Mannschaft, die einfach nicht zu kämpfen aufhören wollten. Das wiederum erwiderte die neonorangefarbene Fraktion mit anerkennendem Applaus. Die dann wiederum von den Potsdamern honoriert wurden, die derweil ihre Spielerinnen nach Abpfiff feierten, die die Fans feierten ... und so weiter und sofort. Von all dieser Glückseligkeit und dem Rundgeklatsche bekamen die schottischen Spielerinnen wenig mit. Sie begossen
die höchste Pleite der Vereinsgeschichte mir reichlich Tränen. Ein Fan – optisch Typ Alt-Hool – versuchte die Tränen mit Argumenten voller Stolz zu trocknen. »You should be proud of yourselves, you were punching above your weight!« sinngemäß: Seid stolz, ihr habt gerade gegen Goliath gekämpft. Und wieder flossen Tränen, dieses Mal versteckte Tränen der Rührung im Potsdamer Publikum. Irgendwie hatte hier jeder jeden ins Herz geschlossen. Fehlte eigentlich nur noch der geschwungene Schriftzug
»Happy End« über dem sternenklaren Himmel in Potsdam.