Dieses Mal spricht Hannelore Ratzeburg über die ersten »Fans« des Frauenfußballs, Unterschiede zwischen Fans des Frauen- und des Männerfußballs und das Zugpferd »Nationalmannschaft«.
Frau Ratzeburg, gab es in der Frühzeit des Frauenfußballs schon richtige Fans? Oder nur Neugierige, die sich das Spektakel mal anschauen wollten?Hannelore Ratzeburg: Am Anfang sind sicher viele Leute gekommen, die einfach mal wissen wollten, wie es aussieht, wenn Frauen hinter dem Ball herrennen. Ansonsten Freunde und Familienangehörige.
Wann hat sich das geändert?Hannelore Ratzeburg: Im Vereinsbereich spätestens mit der Einführung der Bundesliga 1990. Nun wurden leistungsstärkere Spielerinnen in weniger Klubs zusammengezogen, was der Qualität guttat. Außerdem wurde in den Lokalzeitungen öfter über Frauenfußball berichtet, was weitere Neugierige anlockte. Ich finde Neugier auch gar nicht schlimm. Darüber kann man ja auch zum Fan werden, wenn einem das gefällt, was man da sieht.
Die Einführung der Bundesliga war also der wichtigste Schritt, um den Frauenfußball nach vorne zu bringen?Hannelore Ratzeburg: Und die Erfolge der Nationalelf. Wenn Länderspiele live im Fernsehen gezeigt werden, sehen sich das Leute an, die sonst mit dem Frauenfußball nicht in Verbindung kommen. Außerdem hat sich die Qualität der Nationalelf über die Jahre gesteigert, was wiederum der Bundesliga guttat, weil die Nationalspielerinnen dort Woche für Woche zu sehen waren.
Werden Frauen anders angefeuert als Männer?Hannelore Ratzeburg: Diese permanente Geräuschkulisse, wie wir sie aus dem Männerfußball kennen, gibt es bei den Frauen nicht. Die Frauen werden natürlich auch unterstützt, bekommen mal Szenenapplaus oder eine Aufmunterung, wenn das Spiel vor sich hinplätschert. Doch dieses Rufen von Parolen oder die Grölgesänge, wie man sie von den Männern kennt, hört man im Frauenfußball kaum.
Woran liegt das?Hannelore Ratzeburg: Daran, dass wir ein anderes Publikum haben. Zum Frauenfußball kommen ganz viele Familien, auch Ältere. Natürlich gibt es Leute, die mit Schals behängt sind, auch mal welche, die singen. Sonst aber ist alles ein bisschen weniger extrem als bei den Männern.
Wie unterscheidet sich der Support im Verein und bei den Länderspielen?Hannelore Ratzeburg: Die Nationalelf ist noch mal eine Sache für sich. Wir haben ein paar Fans, die sind immer da, ganz egal, wo unsere Nationalmannschaft gerade spielt. Die sind auch wirklich nur bei Länderspielen und nicht bei den Spitzenspielen der Bundesliga.
Kennen Sie diese Allesfahrer persönlich?Hannelore Ratzeburg: Wenn wir bei Olympischen Spielen, WM oder EM unterwegs sind, laden wir diese Fans schon mal ein. Die stehen ja auch vorm Hotel und freuen sich über ein Gespräch. Wenn man dann zusammen was essen und trinken geht, hat man mal Kontakt und kann sich austauschen. Ich habe zum Beispiel gefragt, wie sie das finanzieren, und muss sagen: Die leben dafür. Die sparen sich den Urlaub auf, um bei den großen Turnieren dabei zu sein. Das ist ein Stück Lebensinhalt.
Was sind das für Leute?Hannelore Ratzeburg: Ganz unterschiedliche, aber was alle eint: Sie finden es gut, dass es bei uns noch etwas ungezwungener zugeht als bei den Männern. Und dass vielleicht die Gelegenheit da ist, ein bisschen zusammen zu klönen.
Ist diese spezielle Fankultur bei einem Großereignis wie der WM 2011 nicht gefährdet? Hannelore Ratzeburg: Das Interesse wird sicher riesig sein, bestimmt auch bei den Trainingseinheiten. Da müssen wir aufpassen, dass sich unsere Mannschaft vernünftig vorbereiten kann. Dafür bietet das Turnier aber andere Chancen. Ich kenne Menschen aus meinem näheren Umfeld, die noch nie in einem Stadion waren, weder bei den Männern noch bei den Frauen, und die jetzt sagen: »Bei dieser WM will ich aber dabei sein.«