Während die Frauen-Nationalelf stetig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt, bleibt das Interesse an der Bundesliga weiter gering. Hannelore Ratzeburg spricht mit uns über mögliche Ursachen.
Frau Ratzeburg, gibt es im deutschen Frauenfußball eine Zweiklassengesellschaft? Inwiefern?
Einerseits die beliebte Nationalelf, andererseits die Bundesliga als schmuckloses Stiefkind. Es ist schwierig, das zu vergleichen. Die Bundesliga spielt über ein ganzes Jahr, die Nationalmannschaft konzentriert sich auf wenige Ereignisse. Außerdem vertritt sie die ganze Republik, was eine starke Identifikation zur Folge hat. Und sie verfügt durch die Erfolge der Vergangenheit über einen enormen Vertrauensvorschuss.
Macht die Bundesliga Fehler? Sie entwickelt sich und die Bedingungen sind sehr unterschiedlich. In der Bundesliga lief viel über das Ehrenamt.
Ist das Leistungsgefälle zu groß?In der letzten Saison hatten wir die glückliche Situation, dass sowohl Meisterschafts- als auch Abstiegskampf enorm spannend waren. Dass es in einer Liga Mannschaften gibt, die oben mitspielen, und andere, die unten stehen, ist normal. Ein Problem haben wir, wenn der Letzte an einem guten Tag nicht auch mal den Ersten schlagen kann. Dann ist die Schere zu groß.
Wie ist das zu verhindern?Es muss in den Vereinen besser und intensiver trainiert werden. Das ist nicht einfach, weil bei den meisten Klubs die Spielerinnen immer noch arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wir unterstützen die Bundesliga mit einem Sockelbetrag aus dem Fernsehvertrag, im Gegenzug verlangen wir nun die Einstellung je eines hauptamtlichen Mitarbeiters für den sportlichen und administrativen Bereich. Das schafft eine neue Situation, die sich hoffentlich positiv auswirken wird, wenn die Vereine bei der Personalwahl ein glückliches Händchen haben.
Sind nicht auch die Stadien zu unattraktiv?Viele strahlen den verbrauchten Charme einer Bezirkssportanlage aus. Da haben wir einen gewissen Nachholbedarf. Wir fordern, dass es in jedem Stadion eine kleine Sitzplatztribüne gibt. Die Städte müssen wissen, dass die Klubs auch ihre Kommune repräsentieren. Außerdem können Sie heute nicht nur Fußball zeigen, es zählt auch das Drumherum. Die Leute erwarten, dass man Kaffee trinken, eine Wurst essen kann, und dass es Merchandising-Artikel gibt. Fußball ist, wie heißt es so schön: ein Event.
Der Spielplan der Liga wirkt zerrissen.Wenn es nach uns gehen würde, wäre das Wochenende für die Bundesliga reserviert und alle internationalen Wettbewerbe würden wochentags stattfinden. Das ist leider nicht ganz umsetzbar, weil auch in den anderen Ländern die Spielerinnen keine Profis sind, sondern ebenfalls ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen.
Wären Play-Offs eine Idee, um die Bundesliga aufregender zu gestalten?Wir haben das mit den Vereinsvertretern intensiv diskutiert. Es ist nicht gewünscht, weil es die normale Serie sportlich entwerten würde.
Was ist Ihre Zukunftsvision für die Bundesliga?Ach, wissen Sie, ich bin ja eine Frau der ersten Stunde, und wenn mir damals jemand erzählt hätte, wir haben in zwanzig Jahren eine EM, eine WM und spielen bei Olympia mit, dann hätte ich nur müde gelächelt und gesagt, träum’ weiter. Deshalb ist es schwierig zu prognostizieren, in welche Richtung sich die Bundesliga entwickeln wird. Ich wünsche mir für jeden Verein ein schönes Stadion mit etwa 10 000 Plätzen, ein bisschen Komfort dazu, eine gute Nachwuchsarbeit bei den Klubs, stabile Strukturen und ein paar mehr als die wenigen Einzelkämpfer, die bisher alles zusammenhalten. Das wäre doch schon eine ganze Menge, oder?