Bundesliganeuling Lok Leipzig hat bei seinem Bundesligadebüt gegen Duisburg mit einem starken Auftritt überrascht. Trainerin Claudia von Lanken sprach mit uns über Pläne, Spannung und das Wiedersehen mit dem Ex.
Wie zufrieden waren Sie mit dem Ligadebüt?
Claudia von Lanken: Wir haben Duisburg lange Zeit Paroli geboten. Bis zur 60. Minute haben wir sogar geführt, dann haben wir durch zwei Standardsituationen die Gegentreffer kassiert. Im Großen und Ganzen war es eine sehr ordentliche Vorstellung. Wir haben uns mit diesem ersten Spiel Respekt verschafft.
Überwiegt der Stolz der Verärgerung über die späte Niederlage? Claudia von Lanken: Definitiv. Es wäre natürlich toll gewesen, einen Punkt mitzunehmen. Aber wenn man das komplette Spiel sieht, geht das Ergebnis in Ordnung. Duisburg hat uns in den ersten Minuten schon so unter Druck gesetzt, dass sie das eine oder andere Tor hätten erzielen müssen. Wir haben mit Glück die Null gehalten und dann ein Kontertor geschossen. Insgesamt gesehen bin ich stolz auf die Mannschaft. Das gibt Hoffnung für die nächsten Spiele.
War das Spiel ein Gradmesser für die Leistungsstärke ihrer Mannschaft? Claudia von Lanken: Die Mädels haben sich lange auf ihr erstes Bundesligaspiel gefreut. Wenn man dann auch noch gegen einen Top-Gegner spielt, ist man umso motivierter. In den nächsten Spielen müssen wir das Ganze stabilisieren. Mit Frankfurt haben wir jetzt einen Gegner, bei dem man eigentlich nichts holen kann. Da können wir uns ein bisschen die Spielgeschwindigkeit aneignen und dann geht es in die Spiele, in denen wir Punkte holen müssen. Von Woche zu Woche den Fokus und die Leistungsbereitschaft aufrecht zu erhalten ist schwierig. Das Spiel am Wochenende war etwas Besonderes, aber es wäre natürlich schön, wenn wir die Leistung halten könnten.
Befindet sich ihre Mannschaft momentan noch in einer Eingewöhnungsphase? Claudia von Lanken: Wir müssen uns an die Spielgeschwindigkeit und die Cleverness gewöhnen. Das Spiel gegen Duisburg hat uns gezeigt, dass wir körperlich mithalten können. Mit ein bisschen mehr Erfahrung kann man da auch was mitnehmen. Es hat noch nicht ganz gereicht, aber wir wissen jetzt wo wir stehen und was wir noch verbessern müssen.
Ihre Mannschaft war sehr gut organisiert. Ist diese Eingespieltheit ein Vorteil ihrer Mannschaft? Claudia von Lanken: In dieser Konstellation haben wir noch kein einziges Mal gespielt. Die Verteidigung ist neu zusammengestellt. Die Mannschaft musste die ganzen Neuzugänge integrieren und liefert dann so ein Spiel ab. Ich muss echt meinen Hut vor den Mädels ziehen.
Haben Sie eine Zielsetzung für diese Saison? Claudia von Lanken: Ganz klar: Klassenerhalt.
Und längerfristig gesehen? Wollen Sie in Leipzig etwas entwickeln? Claudia von Lanken: Wir wollen uns etablieren, aber dafür müssen wir erst mal das erste Jahr überstehen. Im nächsten Jahr kann man dann sehen, wie wir uns positionell weiterentwickeln und verstärken. In dieser Saison liegt aber noch viel Arbeit vor uns.
Es wurde also noch kein Masterplan festgelegt? Claudia von Lanken: Der Verein hat immer Pläne. Die wollen natürlich die Klasse halten und dann im Mittelfeld landen, um irgendwann auch einmal oben anzugreifen. Wir müssen aber alles Schritt für Schritt machen, anders geht es ja gar nicht. Unsere Aufgabe ist es genug Punkte zu holen, um in der Liga zu bleiben.
Am dritten Spieltag spielen Sie gegen den HSV, ihren Ex-Verein. Ist das für Sie ein besonderes Spiel? Haben Sie noch eine Rechnung zu begleichen? Claudia von Lanken: Nein, es ist einfach interessant gegen den Klub zu spielen, bei dem man 12 Jahre tätig war und gegen Spielerinnen zu spielen, mit denen man noch in einem Team stand. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit ein paar Spielerinnen, mit denen ich immer noch Kontakt habe. Die ersten Spiele sind für uns sowieso emotional. Am Sonntag haben wir gegen die langjährige Mannschaft von Anne van Bonn gespielt. Gegen den HSV wird es natürlich auch etwas Besonderes, wir haben ja auch ein paar Mädels aus Hamburg hier. Letztendlich geht es aber nur um die Punkte.
Wie sehen die Spielerinnen, die Sie aus Hamburg mitgebracht haben, die Partie? Claudia von Lanken: Die sind aufgeregter als ich, weil sie direkt gegen Freunde, mit denen sie zusammen gespielt und trainiert haben, antreten. Da bin ich an der Seitenlinie etwas entspannter. Die Mädels freuen sich aber auch auf ein Wiedersehen und wollen beweisen, dass sie mit dem Wechsel zu Leipzig den richtigen Schritt gegangen sind.
Gibt es grundlegende Unterschiede zwischen dem Arbeiten in Hamburg und Leipzig? Claudia von Lanken: Hamburg hat einen größeren Verein im Rücken, da sind die Strukturen etwas anders, die Wege manchmal besser organisiert. Wir sind noch dabei uns in der Bundesliga zu entwickeln, mit allem, was dazugehört. Hier ist es ein bisschen familiärer. In Hamburg und München geht das immer ein bisschen unter. Es sind sehr unterschiedliche Arbeitsverhältnisse, aber das macht es auch interessant.
Erleben Sie in Leipzig eine andere Wertschätzung des Frauenfußballs als in Hamburg? Claudia von Lanken: Das hat mit dem Verband zu tun. In Sachsen wird viel Wert auf den Sport gelegt. In Hamburg ist alles größer, man hat viele Bundesligisten, da wird mehr Wert auf andere Dinge gelegt. Wir haben hier mehr Möglichkeiten, da das Land mehr unternimmt und die Sportbegeisterung immens ist. Die Wertschätzung wird sich durch die Resonanz der Stadt auf den Frauenfußball zeigen. Spätestens nach den nächsten beiden Heimspielen werden wir es wissen.
Der Zuschauerschnitt am ersten Spieltag war – auch bei kleineren Vereinen – sehr gut. Hoffen Sie auf ein paar Nachwehen der WM? Claudia von Lanken: Ich hoffe schon. Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn wir mit Frankfurt ein paar Weltmeisterinnen oder Vizeweltmeisterinnen hätten begrüßen können. Das ist leider nicht so, jetzt kommen ganz normale Nationalspielerinnen. Für die Zuschauer wäre es anders schöner gewesen. In Duisburg war die Resonanz groß, das ist da aber immer so. In Potsdam waren über 2000 Zuschauer. Es liegt an uns die Stadt dazu zu animieren sich Frauenfußball anzuschauen. Die Presse versucht uns in den Fokus zu drücken, wir müssen schauen, was am Sonntag dabei rausspringt. Ich hätte mir mehr Nachhaltigkeit gewünscht, aber das ist auch immer eine Frage des Erfolges.
Auf wie viele Zuschauer hoffen Sie denn? Claudia von Lanken: Wir hoffen schon, dass um die 1000 kommen, aber das ist wetterabhängig. Die Männer spielen am Samstag, dass ist ganz gut für uns. Wir haben viel dafür getan, dass die Leute kommen. Wenn wir gegen Frankfurt gut spielen, kommen die Zuschauer vielleicht auch die Woche drauf wieder.
Warum ist der Frauenfußball im Osten Deutschlands erfolgreicher als der Herrenfußball? Claudia von Lanken: Frauenfußball wird hier mit viel Eigenengagement betrieben, da geht es nicht vorrangig ums Geld. Strukturen sind auch ein wichtiger Faktor: In Leipzig und Jena kann man gut studieren oder auch in Potsdam mit dem Internat. Die haben sich auf Frauenfußball konzentriert und haben dazu auch die Möglichkeiten. Für Männer ist das uninteressant, weil sie nicht viel Geld verdienen können und weil es hier zu wenig Bundesligisten gibt.
Hat Sie irgendeine Mannschaft überrascht? Claudia von Lanken: Meine Mannschaft hat mich positiv überrascht. Das Ergebnis aus Bad Neuenahr war interessant, allerdings schätze ich Freiburg auch relativ stark ein.
Kommen wir zur großen Frage: Wer wird Meister? Claudia von Lanken: Vom Kader her sicherlich Frankfurt. Vielleicht spielt Wolfsburg mal eine bessere Rolle. Die werden zwar sicher kein Meister, aber sind immer für eine Überraschung gut. München kann vielleicht eine Rolle spielen. Nach unserem Spiel würde ich auch Duisburg dazu zählen. Nach dem Weggang von Inka Grings werden sie es jedoch nicht mehr ganz oben reinschaffen. Potsdam hat gegen den HSV ein super Spiel gemacht. Es ist aber schön zu sehen, dass man nicht zu 100% sagen kann, wer Meister wird. Ich würde mir wünschen, dass es im Meister- und Abstiegskampf lange spannend bleibt.
Wollen Sie wirklich lange Spannung im Abstiegskampf? Wäre es Ihnen nicht lieber schnell den Klassenerhalt zu feiern? Claudia von Lanken: Wir werden sicher nicht ein paar Spieltage vor Schluss den Klassenerhalt sichern können. Bis zum Schluss werden wir um die Punkte kämpfen müssen, vielleicht wird die Sache auch erst am letzten Spieltag fix sein. Inzwischen kommt es in der Bundesliga auf Kleinigkeiten an. Spannung gehört dazu und ist schön. Letztes Jahr hatte ich mit dem HSV gegen Leipzig auch viel Spannung. Für meine Nerven wäre es aber sicherlich besser, wenn wir das frühzeitig klar machen.