Hannelore Ratzeburg, die Pionierin des deutschen Frauenfußballs steht an dieser Stelle Jens Kirschneck Rede und Antwort, über alles, was sie in langen Jahren auf den Fußballplätzen dieser Welt erlebt hat. Dieses Mal: schlechtes Benehmen.
Frau Ratzeburg, wann haben Sie zuletzt schlechtes Benehmen beim Fußball erlebt? Hannelore Ratzeburg: Na, sicher bei der WM. Ein- oder zweimal gab es zum Beispiel Spielerinnen, die sich nach Fouls vom Platz tragen ließen, und alle dachten: Um Himmels willen, was ist da nur passiert! Und dann sind die wieder von der Trage gesprungen und kreuzfidel aufs Spielfeld gerannt. Oder Marta mit ihren Provokationen und der ständigen Lamentiererei mit der Schiedsrichterin.
Mehr schlechte Manieren gibt es in der Bildergalerie >>>>>>>>>>Fanden Sie die lautstarken Pfiffe der Zuschauer gegen Marta in Ordnung? Hannelore Ratzeburg: Nein, das hat mit Fair Play nichts zu tun. Man kann ihr gewiss ein Signal geben, im Sinne von: »Das, was du gerade getan hast, ist nicht okay.« Das finde ich menschlich, das ist eine sofortige Rückmeldung. Aber dann muss es auch mal gut sein.
Sind solche Vorkommnisse nicht einfach nur ein Indiz für die Entwicklung des Frauenfußballs? Das Spiel ist physischer geworden und damit auch anfälliger für Nickeligkeiten. Hannelore Ratzeburg: Das würde ich sehr bedauern. Auch bei den Männern muss das meines Erachtens nicht sein. Entscheidend ist, dass die Schiedsrichter konsequent durchgreifen. Und das Verhalten der Trainer am Spielfeldrand ist ebenfalls ein wichtiger Faktor.
Kritisiert wurde auch das Verhalten der deutschen Mannschaft beim WM-Finale, als viele offen den japanischen Sieg bejubelten. Hannelore Ratzeburg: Diese Kritik hat mich erstaunt. Es ist doch ein Zeichen des Res-
pekts, wenn man eine Mannschaft unterstützt, die Außenseiter ist und sich auch von einem Rückstand nicht den Schneid abkaufen lässt. Ich fand es eine starke Leistung der deutschen Elf, dass sie so kurz nach dem Ausscheiden fast komplett zum Finale erschienen ist. Im Übrigen: Auch ich habe geklatscht und mich für die tapferen Japanerinnen gefreut.
Was war das Übelste, was Sie bisher beim Frauenfußball erlebt haben? Hannelore Ratzeburg: Bislang nichts Schlimmeres als ein bisschen Gerangel. Ich sage Ihnen mal eines: Wir haben in den Sportgerichtsverhandlungen bei uns in Hamburg ganz selten Frauen als Beschuldigte. Vor Jahren hatten wir einmal einen Fall, wo eine Spielerin einer anderen auf die Wange gespuckt hat, doch solche Vorfälle bewegen sich bei all den Partien, die stattfinden, im Promillebereich.
In letzter Zeit wurde öfter mal das Verhalten bei Vereinswechseln kritisiert. Hannelore Ratzeburg: Das ist ein heikles Thema. Unsere Spitzenspielerinnen haben ja Berater, die bei jedem Vereinswechsel bestimmt ihren Obolus bekommen.
Sie sehen die Berater kritisch? Hannelore Ratzeburg: Die sehe ich schon viele Jahre kritisch, auch bei den Männern.
Muss der Frauenfußball da aufpassen?Hannelore Ratzeburg: Sie können einem erwachsenen Menschen keine Vorschriften machen. Die Spielerinnen mit Berater sind in der Regel volljährig. Wir können sie nur warnen, dass sie vorsichtig sein sollen.
Die Kehrseite der Professionalisierung? Hannelore Ratzeburg: Natürlich ist die Verlockung groß, dort hinzugehen, wo ich mehr Geld bekomme und vielleicht dazu noch ein Auto und eine Wohnung. Es gibt nicht viel Geld zu verdienen im Frauenfußball, da sind die Spielerinnen geneigt, sich die Jahre, in denen sie unter großem persönlichen Aufwand spielen, ein bisschen versüßen zu lassen.
Müssen Spielerinnen Vorbilder sein oder ist das zu viel verlangt? Hannelore Ratzeburg: Erwachsene sollten bei dem, was sie tun, immer Vorbilder sein. Kinder gucken ja immer danach, was die Großen machen. Ich nenne Ihnen ein kleines Beispiel: dieses Rotzen auf den Platz. Ich sage immer: »Handballer strengen sich auch an, aber habt ihr je gesehen, dass ein Handballer in die Halle rotzt?«