Interviews

Im Gespräch mit Duisburgs Trainer Marco Ketelaer    

»Viele Dinge in Deutschland sind zu ausrechenbar«

09.12.2011 | Text: Maike Schulz | Bild: Imago

Vor der Saison hatten die Wenigsten den FCR Duisburg auf der Rechnung für die Meisterschaft. Wir sprachen mit Marco Ketelaer über den Aderlass im Kader, die erste Saisonhälfte und eine neue Philosophie.
Im Gespräch mit Duisburgs Trainer Marco Ketelaer  - »Viele Dinge in Deutschland sind zu ausrechenbar« DFB-Pokal Halbfinale und Platz 2 in der Liga, sind Sie zufrieden mit der Saison bis jetzt?

Marco Ketelaer: Absolut. Ich habe schon vor der Saison gesagt, dass wir vorne mitspielen wollen. Es gab im Vorfeld zwar ein paar Sachen, bei denen der eine oder andere gesagt hat, dass es in dieser Saison für den FCR Duisburg nicht so gut laufen wird.

Zum Beispiel?

Es gab einige Abgänge zu verkraften, wir haben gestandene Spielerinnen verloren. Aber das haben wir durch gute Nachwuchsspielerinnen auffangen können. Dass wir jetzt so gut stehen, ist natürlich erfreulich. Und zum Pokal kann ich nur sagen, dass der FCR schon immer eine Pokalmannschaft war. Dass es bis zum Halbfinale jetzt so gut gelaufen ist, ist natürlich auch eine schöne Sache. Jetzt ist das Finale das klare Ziel.

Sie haben es schon angedeutet: Nach den Turbulenzen der Vorsaison wurden der FCR von einigen schon totgesagt. Wie sind Sie aus dieser »Krise« wieder rausgerudert?

Marco Ketelaer: Für mich war das nie eine unmittelbare Krise. Es hat durch die Wechsel eine Wandlung gegeben. Da haben wir für uns entschieden, eine neue Philosophie zu verfolgen und mehr auf talentierte Spielerinnen und den Nachwuchsbereich zu setzen. Der erste Schritt war also, eine Verjüngung reinzubekommen. Wir haben alle Spielerinnen, die über 30 Jahre waren verloren. Manche – wie Annemieke Kiesel – haben ihre Karriere beendet, andere haben noch mal eine neue Herausforderung gesucht. Inka Grings wollte gerne mal im Ausland spielen. Der Aderlass war vorwiegend im Bereich der Ü30er. Da haben wir aus der Not eine Tugend gemacht. Ich als Trainer trage diese Sache dementsprechend, arbeite mit den jungen Spielerinnen und gebe das Vertrauen, was man mir schenkt zurück und das zahlt sich dann mit guten Ergebnissen letzten Endes aus.

Mit Inka Grings haben Sie eine Lokalmatadorin und ewige Löwin verloren. Es wirkt aber fast, als hätte der Abgang die Mannschaft befreit. Wie stehen Sie dazu.

Marco Ketelaer: Das wäre zu einfach. Man kann nicht sagen »Inka Grings ist weg und jetzt läuft alles.« Die Mannschaft hat sich neu gefunden. Ich würde aber keinen direkten Zusammenhang mit Inkas Abgang sehen. Sie würde uns auch jetzt noch sehr gut zu Gesicht stehen, mit ihrer Torjägerqualität und ihrer Einstellung. Wenn man sie noch auf dem Platz hätte, in Verbindung mit der neuen Linie, die wir eingeschlagen haben, das würde sich ergänzen. Da hätten wir wahrscheinlich noch ein Ticken mehr Qualität. Aber sie hat den Verein verlassen und die Mannschaft hat verstanden, dass wir diese Last, die bisher auf einer Spielerin lag auf mehrere Schultern verteilen müssen. Früher hat Inka 30 Tore gemacht, heute haben wir schon jetzt mindestens acht Torschützinnen. Dadurch sind wir natürlich auch schwerer auszurechnen als früher.

Wie hat sich ihr Abgang auf die Teamhierarchie ausgewirkt?

Marco Ketelaer: Uns sind da ja nicht alle Strukturen verloren gegangen. Mit Annike Krahn, Linda Bresonik und Simone Laudehr haben wir Spielerinnen, die auch schon über Jahre hinweg Stützen gewesen sind. Die Hierarchie hat sich durch Inkas Wechsel eine Stufe nach oben verschoben. Jetzt sind es diese Drei, die als Führungsspielerinnen vorangehen und die Mannschaft leiten. Sie erfüllen ihre Rolle auch ganz hervorragend.

Ist so eine Hierarchie wichtig für die Mannschaft?

Marco Ketelaer: Ich denke ja. Es ist gut, dass eine Mannschaft ganz klar abgesteckte Hierarchien hat. Das gehört zu einem guten Mannschaftsgefüge dazu. Die Führungsspielerinnen können junge Spielerinnen mitnehmen und leiten. Von dem Teamgeist, den wir diese Saison haben, profitieren wir.

In Potsdam hat die Mannschaft eindrucksvoll gezeigt, dass sie aus einem 0:2-Rückstand einen Sieg machen kann. Wie haben Sie diesen Zusammenhalt und Siegeswillen erschaffen?

Marco Ketelaer: Man muss einer Mannschaft die positiven Dinge mit auf den Weg geben. Man muss ihr zeigen, dass man an sie glaubt und auch an ihre Qualität. Viele haben vor der Saison nicht an uns geglaubt und eher ins Verfolgerfeld eingeordnet. Wir sind aber weitaus besser und ich weiß das. Ich weiß, dass die Mädels eine unheimliche Qualität besitzen und das sie den Willen haben. Genau das haben ich ihnen vermittelt. Diese Voraussetzungen muss man pushen und dann sind sie auch in der Lage, so ein Spiel doch noch zu drehen. Letztes Jahr war das noch nicht der Fall. Ich erinnere an das Pokal-Viertelfinale gegen München. Da sind wir mit 0:3 untergegangen, der Ablauf des Spiels war sehr ähnlich. Da war in der Halbzeit kein Aufbäumen, kein Wille. Diese Saison haben wir glücklicherweise einen anderen Mannschaftszusammenhalt und den muss ich als Trainer auch fördern.

Wie machen Sie das?

Marco Ketelaer: Ich zeige der Mannschaft, dass ich an sie glaube. Ich spreche mit jeder einzelnen Spielerin, um ihr ihre Qualitäten aufzuzeigen. So baut man eine Mannschaft auf und dann ist diese Mannschaft auch in der Lage, ein Spiel wie gegen Potsdam zu drehen. Ich hatte in Potsdam in der Halbzeit in der Kabine nicht das Gefühl, dass wir zurückliegen würden. Alle wollten so schnell wie möglich wieder raus und das Spiel drehen.

Anstatt Teambuilding Maßnahmen setzen Sie also auf Vertrauen?

Marco Ketelaer: Ganz genau. Das ist das A und O. Man kann zehnmal durch einen Kletterwald gehen, aber wenn man gut arbeitet, kommt der Zusammenhalt von ganz alleine. Da hat die Mannschaft eigene Mechanismen, um diesen Teamgeist noch zu fördern, auch ohne durch den Wald zu klettern oder Bootstouren zu machen. Eine Mannschaft muss verstehen, dass es nur über Teamarbeit zum Erfolg kommt. Alles Weitere ergibt sich.

Macht es die Arbeit als Trainer leichter, die Mannschaft auf Spiele gegen Frankfurt und Potsdam einzustellen, da es von diesen Teams überproportional viel Bild bzw. Filmmaterial gibt?

Marco Ketelaer: Ich sage mal so: Die Top-Teams in der Bundesliga, wir kennen uns untereinander. Auf Unbekannte trifft man eigentlich nur, wenn man international spielt. Da kennt man die Mannschaften nicht so gut, höchstens ein paar Nationalspielerinnen. National kennt man die Liga in und auswendig. Ich bin im dritten Jahr dabei. Ich weiß, welche Spielerin welche Stärken und Schwäche hat. Die Spielsysteme haben die wenigsten Vereine in den letzten Jahren verändert. Mit Ausnahme von uns, wir spielen seit dieser Saison mit zwei klaren Spitzen, einer Raute im Mittelfeld und einer klaren Zehn und einer klaren Sechs. Ansonsten ist im Frauenfußball in den letzten Jahren alles geblieben, wie es war. Die Videoaufzeichnungen braucht man vor allem für Standardsituationen, um da zu sehen, ob sich was verändert hat.

Ist es ein Manko im deutschen Frauenfußball, dass die Variabilität fehlt? In der Nationalmannschaft ist es sehr offensichtlich und Sie sagen, dass es in der Liga nicht anders sei.

Marco Ketelaer: Ja, keine Frage. Mit fehlt in der Breite die Variabilität und Flexibilität. Ich bin dabei, dies in meiner Mannschaft zu fördern. Auch, dass Spielerinnen punktuell ihre Positionen verlassen um Akzente zu setzen. Viele Dinge in Deutschland sind zu ausrechenbar: Da wird dann mit einem Vierer Mittelfeld gespielt, mit zwei Sechsern und zwei Außen, eine Stürmerin und eine hängende Spitze. Und so spielen die Meisten. Potsdam spielt dann ein 3-4-3. Das ist aber auch schon seit Jahren alles so. Ich weiß nicht, ob da der Mut fehlt, etwas zu verändern. Es stagniert momentan total. Ich hab mir auf die Fahne geschrieben, Änderungen vorzunehmen, mit einem Neuanfang. Dafür muss man mutig sein und vor allem seine Linie durchziehen und nicht nach ein oder zwei schlechten Spielen aufgeben und zum Alten zurückkehren. Meine Kontinuität hat sich beim FCR in den letzten Wochen nun ausgezahlt.

Am Samstag treffen sie auf den FFC Frankfurt.  Was erwarten Sie von dem Spiel?

Marco Ketelaer: Das wird genau so ein Spitzenspiel, wie gegen Potsdam. Beide Mannschaften sind mit internationalen Spielerinnen gespickt. Da ist hohe fußballerische Qualität auf beiden Seiten. Letzten Endes wird wieder ausschlaggebend sein, wer besser in die Zweikämpfe kommt und mehr Druck ausüben kann. Die Parole ist ganz einfach: Über den Kampf ins Spiel kommen. Wer sein Spiel diszipliniert zu Ende spielt, wird als verdienter Sieger vom Platz gehen.


Und als abschließende Frage mit einem Blick auf die Tabelle: Ist aus dem Dreikampf um den Titel ein Vierkampf geworden?

Marco Ketelaer: Ich hab Wolfsburg von Beginn an auf der Rechnung gehabt. Die haben sich punktuell gut verstärkt, mit Spielerinnen, die eine hohe Qualität haben, wie eine Goeßling zum Beispiel. Wolfsburg hatte in einigen Spielen auch ein bisschen Pech gehabt. Klar, gegen uns haben sie verdient verloren, aber bei manch anderem direkten Konkurrenten hätte es auch anders ausgehen können. Sie sind ein ganz klarer Mitfavorit um die Vergabe der vorderen Plätze, gar keine Frage.