Interviews

Aylin Yaren über ihren Wechsel zum HSV   

»Es ist wirklich ein Team«

17.01.2012 | Text: Julia Orso | Bild: Dominik Kaesberg/sony

Der HSV wollte sie unbedingt. Zum Rückrundenstart kickt Aylin Yaren für den Bundesligisten Hamburger SV und ist stolz darauf. Nebenbei tritt die Ballartistin noch auf und möchte auch eine Ausbildung beginnen. Wie die junge Frau das alles unter einen Hut kriegt, verrät sie uns im Interview.
Aylin Yaren über ihren Wechsel zum HSV - »Es ist wirklich ein Team« Sie sind als Ballakrobatin bekannt geworden. Wollen Sie ihr Image as Trickserin mit dem Wechsel zum HSV endgültig ablegen?

Aylin Yaren: Nein, Fußball ist meine große Leidenschaft und Freestyle ist halt ein Teil davon. Freestyle steht jetzt an zweiter Stelle und da werde ich trotzdem noch am Ball bleiben. Da steht mir eigentlich auch nichts im Wege. Außerdem gehen die anderen Spielerinnen ihrem Job auch nach oder gehen zur Uni. Und ich hab da meinen Freestyle, womit ich mein Geld verdiene. Wenn es vom Spiel oder Training her passt, kann ich auch meine Freestyle -Einsätze weiterhin machen. Das ist auch mit dem HSV abgestimmt worden.

Was bewog Sie zum Wechsel vom 1. FC Lübars zum HSV, was war die Motivation?

Aylin Yaren: Großes Interesse bestand ja seitens des HSV. Ich hatte natürlich auch Interesse, möchte seit Jahren den Sprung ins Oberaus schaffen. Nun hat mich der HSV angerufen und wollte, dass ich zum Probetraining komme. Das war in der Winterpause. Dann war ich hier oben und hab trainiert und habe viele gute Eindrücke gesammelt und fand es auch von der Mannschaft her positiv, wurde gut aufgenommen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Und dem Trainer hat es auch gefallen, also blieben wir in Kontakt und so hat es denn geklappt irgendwie (lacht).

Hat der HSV Sie besonders überzeugt, weil der Verein in der ersten Bundesliga spielt und inwieweit ist das ein Sprung für Sie?

Aylin Yaren: Natürlich ist das etwas ganz besonderes für mich, weil das schon immer ein Traum von mir war, in der ersten Bundesliga Fuß zu fassen und überhaupt in eine Mannschaft  hineinzukommen, in der ich mich zeigen kann und wo ich um einen Stammplatz kämpfen möchte. Der HSV ist hier eine tolle Herausforderung für mich. Das ist ganz klar ein riesiger Sprung für mich. Ich hoffe ich kann der Mannschaft helfen. Ich werde natürlich mein Bestes dafür geben.

Was erwarten Sie von der Mannschaft und was bringen Sie selbst mit?

Aylin Yaren: Ich werde meine gesamte Erfahrung, die ich in den letzten Jahren in Schweden gesammelt habe mitbringen und meine Freestyle- Erfahrung, in der ich meine Technik weiterentwickelt habe. Ich bringe einfach mein Auge für das Spiel mit, Spritzigkeit und Freude am Fußball habe ich sowieso. Die Mannschaft hat ansonsten eigentlich schon alles um sich wohl zu fühlen, wie ich das bis jetzt mitbekommen habe: Es gibt einen guten Zusammenhalt, es ist wirklich ein Team und alle sind sehr humorvoll. Wir alle ziehen an einem Strang, kämpfen gegen den Abstieg.

Der HSV steht gerade auf den Abstiegsplätzen der Tabelle. Woran liegt der schlechte Tabellenstand ihrer Meinung nach? Was fehlt dem HSV gerade?

Aylin Yaren: Der HSV hat in der letzten Minute Spiele verloren und es hat einfach das ein oder andere Mal an Glück gefehlt. In Lübars lief das in der Hinrunde auch so...ich kenn das. Der HSV ist einfach falsch platziert, dort, wo er eigentlich nicht hingehört. Ich denke, dass wir in der Rückrunde einfach zeigen werden, dass wir wirklich nicht da unten hingehören und dass wir oben in der Tabelle auch mitmischen können, weil wir eine gute und starke Mannschaft sind. Das sieht man im Training, dass wir mehr drauf haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das schaffen werden, weil wir das Potenzial dafür haben.

Haben Sie Respekt vor den Anforderungen des HSV?

Aylin Yaren: Eine gewisse Nervosität ist schon dabei, man weiß ja nie genau was auf einen zukommt. Ich muss wirklich in jedem Training Gas geben, zeigen dass ich das auch will und nicht nur zum Spaß dabei bin. Respekt habe ich also auf jeden Fall, weil es eine so große Chance ist, mich zu beweisen und zu zeigen, dass ich wirklich was drauf habe, nicht nur als Ballzauberin. (lacht) Das ist eine Herausforderung für mich, also ich werde mein Bestes geben. Momentan läuft es gut in den Trainingseinheiten  und es macht total Spaß. Das ist aber wiederum auch ein ganz anderes Level als in Lübars. Respekt habe ich also vor jeder einzelnen Spielerin des HSV.

Inwieweit können Sie den HSV bereichern?

Aylin Yaren: Durch meine Aufmerksamkeit, mein Auge für das Spiel und das schnelle Umschalten im Kopf. Als Offensivspielerin bereite ich ganz gerne Tore vor, mehr noch als dass ich selber welche schieße. So war das jedenfalls bei Lübars immer der Fall.

Wenn es nach Ihnen ginge: würden Sie sofort für die deutsche Nationalmannschaft antreten, oder sind sie mit diesem Thema durch?

Aylin Yaren: Auf jeden Fall, ich würde jederzeit wieder zurückkehren, weil ich vieles sehr bereue. Sobald ich eine Anfrage oder Einladung bekommen würde vom DFB, würde ich die natürlich sofort entgegennehmen. Aber meine ganze Konzentration gilt nur dem HSV, über die Nationalmannschaft denke ich im Moment gar nicht nach.

Ihr Ziel, in der ersten Bundesliga zu spielen haben Sie sich jetzt mit dem HSV erfüllt. Was steht 2012 noch so an Karriereplanung an?

Aylin Yaren: Ich will auf jeden Fall den Klassenerhalt schaffen mit dem HSV, das ist mein erstes Ziel, was ganz oben steht. Dann will ich meine Künstlereinsätze weiterhin machen. Auch wenn es wohl nicht mehr so oft wie vorher sein wird, will ich es nicht aus den Augen verlieren. Der HSV steht aber im Vordergrund, ich will nämlich gerne länger als nur eine halbe Saison dort spielen.

Was möchten Sie neben dem sportlichen Erfolg noch in Angriff nehmen? Was sind Ihre Pläne?

Aylin Yaren: Also die ersten paar Monate möchte ich hier beim HSV Fuß fassen, um an mir zu arbeiten, im Fittnessstudio und so. Auch wenn ich zierlich aussehe, bin ich trotzdem ziemlich kräftig. Daran muss ich noch ein bisschen weiterarbeiten. Zum Sommer hin möchte ich dann mit einer Ausbildung beginnen. Welche Richtung das sein wird, weiß ich jetzt noch nicht ganz genau, aber eigentlich wäre Sport und Fittness-  Kauffrau optimal für mich. Ich habe ja noch ein bisschen Zeit bis dahin und kann mir Gedanken machen.

Wollten Sie schon mal alles hinschmeißen und mit Fußball aufhören?

Aylin Yaren: Das war eigentlich im letzten Jahr, bevor ich mich nur auf Fußball konzentriert habe. Damals hab ich die Rückrunde bei Tennis Borussia gespielt in der ersten Liga. Dann sind wir abgestiegen. Ich wollte eigentlich wechseln zu einem anderen Bundesliga-Verein, aber das hat nicht geklappt. Da dachte ich mir, dann machst du eben nur Freestyle und gibst im zweiten Jahr wieder Vollgas. Aber mein Berater Dietmar Ness und mein Freestyle- Manager Dominik Kaesberg haben mit mir gesprochen und meinten, ich solle doch nebenbei fit bleiben und im zweiten Jahr würden wir es wohl noch mal angehen. Ich hab natürlich auf die beiden gehört. Hätte ich das nicht getan, würde ich immer noch nur Freestyle machen. Dann habe ich angefangen bei Lübars zu spielen.

Was empfehlen Sie jungen Frauen, die zwischen beruflicher und sportlicher Karriere stehen? Was ist Ihnen persönlich wichtiger?

Aylin Yaren: Natürlich beides. Ich würde niemandem davon abraten. Bald kommt ja auch die Zeit auf mich zu, dass ich auch berufliche Dinge mit Fußball verbinden muss. Es ist halt immer wichtig, dass man als junger Mensch was im Hinterkopf hat. Wenn man sich nur auf Fußball konzentriert, ist es schwierig, weil die Verletzungsgefahr natürlich auch sehr groß ist. Das machen ja viele, ich bis zum Sommer ja auch. Es ist einfach wichtig, beruflich auch auf jeden Fall weiterzumachen. Gerade im Frauenfußball. Man hört ja auch irgendwann auf mit Fußball und muss sein Geld trotzdem weiterhin verdienen.

Wann denken Sie, ist der richtige Zeitpunkt, um sich vom Fußballspielen zurückzuziehen? Gibt es überhaupt einen?

Aylin Yaren: Ich sage immer, dann wenn die Knochen nicht mehr mitmachen (lacht).
Birgit Prinz hat jetzt auch schon lange gespielt. Aber so mit 34 oder 35 ist ein Alter erreicht, indem jeder Fußballer/in eigentlich aufhört. Das ist so die Grenze eigentlich.

Stärkt Fußball Ihrer Meinung nach nicht nur den Körper, sondern auch den Geist?

Aylin Yaren: Ja, weil man einfach ein Ziel mit der Mannschaft hat, und dieses Ziel will man erreichen. Man denkt vielleicht nicht 24 Stunden daran, aber man hat einfach einen Willen, den man umsetzen will. Das ist halt ein tolles Gefühl, wenn man so am Ball klebt, wirklich ein halbes Jahr mit der Mannschaft zusammen an einem Strang zieht und das Ziel dann erreicht. Man kann dann auch schon zusammen in die nächste Saison schauen, man wächst ja auch zusammen als Mannschaft. Das macht natürlich am meisten Spaß, wenn man auch mal zwischendurch gewinnt.
In meiner ersten Saison in Lübars haben wir echt eine gute Saison gespielt, sind einfach immer näher rangerückt, und hatten richtig Freude am Fußball.
Jetzt hab ich gemerkt, in der Hinrunde mit Lübars, als wir immer nur verloren haben, ging dann zwischenzeitlich die Laune auch mal runter. Aber das macht Fußball aus: mal Höhen, mal Tiefen.