WM 2011 DEUTSCHE MANNSCHAFT

Der große Abgang der Birgit Prinz   

Fußnote Michael Ballack

11.07.2011 | Text: Tim Jürgens | Bild: Imago

Die Tragik des deutschen Scheiterns bei der Frauen-WM lässt ein anderes Großereignis verblassen: Das Ende der Nationalspielerin Brigit Prinz. Dabei hätte dies dem Vergleich zum Männerfußball locker standgehalten.
Der große Abgang der Birgit Prinz - Fußnote Michael Ballack In den letzten Wochen ging es oft darum, ob Frauenfußball mit seinem männchen Pendant verglichen werden dürfe. Der Konsens der politisch Korrekten lautete aus verschiedenen Gründen: Nein, kann man nicht machen, ist unfair. 
Nun ist die deutsche Mannschaft ausgeschieden. Die Bild-Zeitung brauchte nur Minuten, um zu recherchieren, dass der Kurs für ein Final-Ticket unter die 10-Euro-Marke gefallen war. Die männlichen Journalistenkollegen, die vor acht Wochen wohl nicht in der Lage gewesen wären, die Stammelf von Silvia Neid fehlerfrei und ohne Hilfe einer Internetsuchmaschine aufzusagen, gaben in kühlen, detailreichen Analysen, die in ihrer Vehemenz sehr wohl der Parallele zur Berichterstattung im Männerfußball standgehalten hätten, bekannt, was ihrer Meinung nach die Bundestrainerin alles falsch gemacht habe. Nur von Birgit Prinz sprach plötzlich niemand mehr.

Die letzte WM der Birgit Prinz in Bildern >>>>>



Dabei böte sich gerade bei der 33-jährigen Frankfurterin ein Vergleich zu den Herren an. Schließlich hat die Grande Dame des DFB-Kaders vorgemacht, wie sportlich-fair, geräuscharm und stilvoll sich ein Weltstar in den Vorruhestand verabschieden kann, noch dazu unter der kniffligen Voraussetzung, dies mitten in dem wohl bedeutendsten Turnier der Frauenfußball-Geschichte zu tun. Die Umstände zudem waren spektakulär. Denn Prinz ist einfach auf eine Bühne getreten und hat zugegeben: »Ich hatte das Gefühl, dass ich der Mannschaft nicht mehr helfen kann.« 

Ein bemerkenswerte Selbsterkenntnis, die man so von einem Mann nur sehr selten zu hören bekommt. Beispiel: Michael Ballack. Der fühlte sich trotz unübersehbarer Isolation von den jungen Kollegen bei einem Kurzbesuch während WM 2010 nicht in der Lage zu erkennen, dass seine Zeit in der DFB-Truppe vorüber war. Im Gegenteil. Als Jogi Löw nach einem endlosen Abnabelungsprozess bekannt gab, dass er nicht mehr mit ihm plane, stänkerte Ballack in der Manier einer beleidigten Leberwurst über die Medien, wie es vorher schon sein Adjudant Torsten Frings bei dessen Demission durch den Bundestrainer gemacht hatte. Dass auch sein Leistungsniveau jenseits der 30 – ein übrigens völlig normaler, biologischer Vorgang – nachgelassen habe, war den Verlautbarungen ebensowenig zu entnehmen, wie die Feststellung, dass es nicht leicht sei, ins Eliteteam zurückzukehren.

Von welcher Hybris muss ein Fußballer befallen sein, der annimmt, dass er aufgrund seiner Verdienste in der Vergangenheit nun bis zum Sanktnimmerleinstag zum Stamm der Nationalelf gehört? Um es deutlich zu sagen: Frings und Ballack sind verglichen mit der Spielerin Birgit Prinz allenfalls Fußnoten der Geschichte. Keiner von beiden hat je einen internationalen Titel gewonnen, Torsten Frings hat noch nicht einmal die Auszeichnung zu Deutschlands Fußballer des Jahres bekommen. Birgit Prinz gewann allein bei dieser Wahl acht Trophäen, sie wurde dreimal Weltfußballerin, viermal Europameisterin und zweimal gewann sie den WM-Titel. Mehr geht nicht. Im Frauenfußball ist sie gewissermaßen Pelé, Zidanè und Franz Beckenbauer in Personalunion. Und so eine sagt leise: »Ich habe es nicht geschafft, mit dem Druck umzugehen, den ich mir auch selbst gemacht habe.« Chapeau, soviel Eier muss man erst mal haben.

Prinz akzeptierte nach ihrer schwachen Vorstellung gegen Nigeria einfach, dass sie nicht mehr zur ersten Garde gehört. Sie nahm damit weiterführenden Spekulationen über ihre Nominierung kurzerhand den Wind aus den Segeln. Der schwelende Konflikt war ausgeräumt. Silvia Neid bekam die Ruhe, die Mission Titelgewinn ohne weitere mediale Störfeuer fortzusetzen.

Und so endete die Länderspielkarriere der 211-maligen Nationalspielerin Prinz auf einem gepolsterten Sitz der Reservebank in der Wolfsburger Arena. Gewiss, das entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Aber die menschliche Größe, im Augenblick des Scheiterns zu sagen – »Sorry, ich hab’s nicht hingekriegt« – wird das Denkmal der Fußballerin Birgit Prinz langfristig stützen.

Fotostrecke - Birgits letzte WM