WM 2011 HINTERGRÜNDE

Deutschlands erste WM-Kommentatorin Claudia Neumann   

»An meinem Fachwissen gab es keine Zweifel«

28.06.2011 | Text: Roland Wiedemann | Bild: Imago

Claudia Neumann kommentiert als erste Frau ein WM-Spiel live im deutschen Fernsehen – Kolumbien gegen Schweden. Mit uns sprach sie über ungünstige Bildregie beim Frauenfußball und darüber, wie ihre hohe Stimme ihre Arbeit beeinträchtigt.
Deutschlands erste WM-Kommentatorin Claudia Neumann - »An meinem Fachwissen gab es keine Zweifel« Claudia Neumann, Sie werden als erste Frau, die live bei einer Fußball-WM Spiele kommentiert, in die Fernsehgeschichte eingehen. Sind Sie schon aufgeregt?

Claudia Neumann: Ich freue mich auf die Herausforderung, auch wenn ich zugebe, dass ich großen Respekt vor der dem Handwerk Live-Kommentierung habe. Man muss 90 Minuten lang immer voll konzentriert sein, spontan richtige Einschätzungen treffen und dabei auf ein ordentliches sprachliches Niveau achten.




Sie sind schon viele Jahre beim ZDF. Warum werden Sie jetzt erst als Live-Kommentatorin eingesetzt?

Claudia Neumann: Ich komme aus der Filmemacherschiene und fühlte mich dort auch sehr wohl. Nach Jahren der begleitenden Berichterstattung, empfand ich die Live-Reportage als reizvolle Weiterentwicklung. Es lag an mir, das mal auszuprobieren. Niemand hat mich gebremst, an meinem Fachwissen gab es keine Zweifel. Ich habe dann ein Spiel, das die ARD übertrug, bei uns im Studio probekommentiert. Die Verantwortlichen fanden das Ergebnis ganz ordentlich, und jetzt werde ich bei der WM am Mikrofon sitzen.

Haben Sie selbst Fußball gespielt?

Claudia Neumann: Ja, aber nur mit Jungs auf dem Bolzplatz. In einer Mädchen- oder Frauenmannschaft war ich nie. Ich gestehe, dass ich den Frauenfußball in seinen Anfängen doof fand.
Warum?

Claudia Neumann: Naja, zu Beginn war das, was  geboten wurde, doch recht weit vom Leistungssport entfernt. Aber der Frauenfußball hat sich enorm weiterentwickelt.

Der Männerfußball wird aber immer schneller und athletischer sein.

Claudia Neumann: Wer sich als Zuschauer auf den Frauenfußball einlässt, muss ihn als eigenes Spiel entdecken. Frauen- und Männerfußball sind im Grunde zwei verschiedene Sportarten. Der Platz und die Tore sind gleich groß, der Ball ist gleich schwer. Aber die körperlichen Voraussetzungen der Akteure sind ganz andere. Die Torfrau kann nicht so hoch springen, die Laufbewegungen der Feldspielerinnen sind anders und einen Pass aus dem Fußgelenk über 50 Meter wird man bei den Frauen auch nicht sehen.

Es heißt, die Bildregie sei beim Frauenfußball eine andere. Durch schnellere Schnitte und mehr Nahaufnahmen werde versucht, das Spiel dynamischer erscheinen zu lassen.

Claudia Neumann: Also mir ist das noch nicht aufgefallen. Aber es ist im Kollegenkreis schon über diese Möglichkeit diskutiert worden.

Und wie lautet Ihre Meinung?

Claudia Neumann: Lasst es so wie es ist! Ich fände es sehr bedauernswert, sollte man am Bildschirm die Übersicht verlieren, nur weil jemand meint, das Spiel schicker machen zu müssen. Ich will sehen, wie sich eine Spielszene entwickelt.

Gibt es Dinge, die Sie als weibliche Kommentatorin anders als Ihre männlichen Kollegen machen werden?

Claudia Neumann: Mein Kommentar wird vielleicht ein bisschen weniger emotional sein, als der des einen oder anderen Kollegen. Ich werde versuchen, es stimmlich so hinzukriegen, dass es schon emotional rüber kommt, aber nicht übertrieben emotional.

Weshalb die Zurückhaltung?

Claudia Neumann: Die weibliche Stimme ist höher, auch wenn das bei mir nicht so ausgeprägt ist. Da kann es passieren, dass das Ganze in Gekreische ausartet, vor allem bei Torszenen. Und das möchte ich auf jeden Fall vermeiden. Es wird für die Zuschauer sowieso schon sehr ungewohnt sein, bei einem Fußballspiel 90 Minuten lang die Stimme einer Frau zu hören. Aber ich werde ja keine Spiele der deutschen Mannschaft kommentieren. Von daher fällt es leichter, etwas weniger emotional zu sein.

Warum dürfen Sie bei den Spielen der DFB-Elf nicht ran?

Claudia Neumann: Da haben wir mit Norbert Galeske einen Mann, der das seit Jahren sehr, sehr gut macht. Ich beginne ja erst mit der Live-Kommentierung und will keine Geschenke haben, nur weil ich eine Frau bin. Und ich habe in naher Zukunft auch nicht vor, Männerspiele zu kommentieren, sondern will mich auf den Frauenfußball beschränken.

Die Zeit ist noch nicht reif für eine weibliche Fernsehstimme bei einer Live-Übertragung eines Männer-Länderspiels?

Claudia Neumann: Das ist eine gute Frage, die ich selbst gar nicht abschließend beantworten kann. Für den einen oder anderen Fußball-Macho wäre es aber sicherlich eine mittelschwere Katastrophe, die im schlimmsten Fall bis hin zu einer schweren Sinnkrise führen könnte.

Gibt es Dinge, die Ihnen bei den Live-Kommentaren Ihrer männlichen Kollegen im Frauenfußball aufgefallen sind?


Claudia Neumann: Das sind alles sehr erfahrene Leute. Aber bei dem einen oder anderen miserablen Spiel hatte ich schon den Eindruck, dass die Männer am Mikrofon die Partie nicht so schnell so schlecht reden wollten, wie sie es eigentlich verdient gehabt hätte. Die wollen ganz einfach nicht als Machos dastehen.

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