WM 2011 HINTERGRÜNDE

Schiedsrichterleistungen bei der WM   

»Das Unmögliche ist immer möglich!«

26.07.2011 | Text: Franziska Schmidt | Bild: Imago

Foul oder nicht Foul – das ist hier die Frage. Ein Kennzeichen dieser WM sind zahlreiche skurrile Schiedsrichterentscheidungen. Wir versuchen mit ZDF-Expertin Riem Hussein ein wenig Licht in den Kartenwald zu bringen.
Schiedsrichterleistungen bei der WM - »Das Unmögliche ist immer möglich!« Äquatorialguinea spielt Völkerball, Nigeria betreibt Ultimate Fighting und Marta übt sich im Rollerderby auf Stollenschuhen – die Schiedsrichterinnen scheinen sich über sportliche Vielfalt zu freuen und lassen die Pfeife stecken. Die Leistungen der Frauen in Schwarz sind leider zu einem bestimmenden Thema der WM geworden. Auch wir blicken ungläubig auf manche Entscheidung und haben deshalb mit Riem Hussein gesprochen. Früher selbst erfolgreiche Fußballerin, zählt sie heute zu den besten Schiedsrichterinnen Deutschlands. Während der Weltmeisterschaft agiert die FIFA-Schiedsrichterin als ZDF-Expertin. Ein Gespräch über Fouls, Pfeifen und die FIFA.


In den letzten Tagen ging ein Aufschrei durch Deutschland: Die Schiedsrichterinnen zerstören unsere Heim-WM. Wie schätzen Sie als Frau vom Fach die bisherigen Leistungen ihrer Kolleginnen ein?

Riem Hussein: Im Großen und Ganzen würde ich die Leistungen schon als gut beurteilen. Man darf nicht vergessen, dass die Schiedsrichterinnen es auch nicht gewohnt sind, vor 20.000 oder 30.000 Leuten zu pfeifen. Zudem ist das Niveau bei dieser WM sehr hoch, da heißt es, in Millisekunden die Zweikämpfe zu beurteilen.    

Die Spiele am Sonntag brachten die Gemüter der Fans zum Kochen. Dass weder Martas offensichtlicher Schubser noch die Völkerballeinlage von Bruna aus Äquatorialguinea geahndet wurde, sorgte für Aufregung. Sollte man auf diesem Niveau auch männliche Schiedsrichter einsetzen?

Riem Hussein: Nein. Es gibt genug weibliche Schiedsrichter, die auf diesem Niveau pfeifen können! 

Die Chauvi-Ecke freut sich: endlich ein Grund, der WM ihre Berechtigung abzusprechen und sie als Slapstickveranstaltung zu klassifizieren. Schaden solche Schiedsrichterleistungen dem Frauenfußball?

Riem Hussein: So ein Handspiel wirft natürlich Fragen auf. Das merkt ja jeder noch so fußballferne Otto Normalverbraucher, dass da was nicht richtig läuft. Es gibt Dinge, die können mal passieren, und Dinge, die sollten nicht passieren. Diese Entscheidung gehört definitiv dazu. Aber wir müssen uns wohl dafür sensibilisieren, dass das Unmögliche immer möglich ist, auch bei uns Schiedsrichtern.  

Anders als bei der Herren-WM laufen gemischte Schiedsrichterinnen-Gespanne auf. Als Spielerin ist es ja undenkbar, eine WM zu spielen, ohne sich vorher richtig einzuspielen.


Riem Hussein: Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen, da ich beide Seiten kenne. In der Bundesliga pfeifen wir mit festen Gespannen, während bei internationalen Partien auf Mischungen gesetzt wird. Man fühlt sich natürlich sicherer, wenn man in einem festen Team auftritt. Das wirkt sich positiv auf die eigene Leistung aus. Man spricht die gleiche Sprache und weiß auch, wie man den anderen einschätzen muss. Diese Eingespieltheit birgt jedoch auch Risiken.    

Welche?


Riem Hussein: Es besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr aufeinander verlässt. Man akzeptiert die Entscheidung der Assistentin und hinterfragt die einzelnen Entscheidungen nicht mehr.