Maribel Dominguez ist das Herz der mexikanischen Mannschaft. Ohne »Marigol« (gol = Tor) ist Mexiko nicht denkbar. Die 32-Jährige mit der schrillen Biografie und der eintätowierten Nummer »9« soll bei der WM für Tore sorgen – das sei ihr Job.

Vermutlich weiß Dominguez schon längst, worauf
Leonardo Cuellar hinauswill. Der Trainer hat die Einheit wieder unterbrochen, um ein paar Dinge zu erklären.
Maribel Dominguez steht geduldig da, wirkt fast ein wenig gelangweilt – bis endlich die Ansage kommt: »Weitermachen«. Sofort fixiert die 32-Jährige den Ball, die Körperspannung kommt zurück und zieht sich bis in die Fingerspitzen, unbewusst spreizt sie bei der Ballannahme zwei Finger ab, die Hand sonst geballt als Faust. Fast sieht es aus wie dieser Surfergruß. Dann lässt sie im Eins-gegen-eins die Gegnerin aussteigen und schießt.
Mexikanische Journalisten sagen, sie könne Tore riechen. Im Interview bringt das Mexikos Vorzeigefußballerin zum Lachen. Was heißt riechen? Tore seien schließlich ihr Job. »Ich kämpfe gern und trainiere hart dafür.« Kämpfen – das wird heute gegen die favorisierten Engländerinnen vonnöten sein. Zeit zum Akklimatisieren im Weltturnier, dass Mexiko zuletzt 1999 (mit »Marigol«) erreichte, dann aber auch gleich nach der Vorrunde wieder verließ, bleibt nicht.
Nach England kommt mit Japan der nächste schwere Gegner. In der Qualifikation gelang den Mexikanerinnen ein
Sensationssieg gegen die USA, die letzten Testspiele brachten indes nur Niederlagen. Natürlich wolle man die Gruppenphase überstehen und dann für eine »angenehme Überraschung« sorgen, sagt Trainer und Ex-Nationalspieler Cuellar und grinst. Aber wo sein Team im internationalen Vergleich steht, scheint unklar. »Wenn wir unsere Form finden, sind wir ein gefährliches Team.«
Seine
Kapitänin Dominguez glaubt fest daran, sich auch als Außenseiter durchsetzen zu können – vielleicht liegt es an ihrer Biografie. Als Kind gab sie sich jahrelang als „Mario“ aus, um mit den Jungs Fußball zu spielen. Das Ganze flog erst auf, nachdem sie mit einer Juniorinnenauswahl in der Zeitung abgelichtet worden war. 2004 war sie bereits in den USA Profifußballerin, als sie vom Männer-Zweitligisten Atlético Celaya ein Vertragsangebot erhielt. »Ich wollte einfach trainieren«, sagt Dominguez schulterzuckend. »Ich hätte mir nie träumen lassen, dass daraus so eine Riesensache wird.« Nach der Pleite der amerikanischen
WUSA war sie vereinslos und suchte eine neue Mannschaft – Frauenligen gab es damals in Mexiko nicht. »Der Verein hatte sogar schon damit begonnen, eine Umkleidekabine für mich zu bauen«, erinnert sich die 32-Jährige. Doch die Fifa machte am Ende ihr Veto geltend. Damals zog sie zwar den Kürzeren, bekam aber stattdessen ein Angebot aus Spanien. »Heute denke ich, die Fifa hatte allen Grund dazu, so zu entscheiden.«
Einen Engel mit Ball hat sie sich auf das Bein stechen lassen, die
Rückennummer »9« auf den Arm. Noch immer spielt sie in der spanischen Liga bei L’Estartit. Dass es in ihrer Heimat aufwärts geht mit dem Frauenfußball, hat sie jahrelang nur aus der Ferne miterlebt, sogar eine zeitlang die Nationalelf sausen lassen. Jetzt ist sie längst ist zurück; in einer Mannschaft, die vor allem mit U20-Spielerinnen aufgefrischt worden ist. Die Torhüterin Cecilia Santiago ist sogar nur halb so alt wie Dominguez. »Heute muss sich kein Mädchen mehr als Mario ausgeben«, sagt Dominguez. »In Mexiko hat sich viel geändert.« Nach wie vor gibt es ein Manko: es existieren nur regionale Ligen für Frauen. Cuellar hofft, mit einem guten Abschneiden bei der WM das letzte Argument für eine vom Verband organisierte, nationale Liga zu liefern. Seit zehn Jahren leistet er Aufbauarbeit. »Das war nicht geplant, es war Schicksal», sagt Cuellar und wirkt dabei ziemlich zufrieden.
»Wir wissen, es wird schwer, weit im Turnier zu kommen, aber es ist nicht unmöglich«, sagt Maribel Dominguez zum Schluss. »Der Männerfußball mag anders sein, aber wenn man sich Uruguay anschaut bei der letzten WM: Sie gehörten nicht zu den Favoriten und sind bis ins Halbfinale gekommen.
Fußball kann viele Überraschungen bergen, auch bei den Frauen.«