WM 2011 TEILNEHMERLÄNDER

US-Stürmerin Abby Wambach im Porträt   

»Ich bin Old School«

06.07.2011 | Text: Astrid Labbert | Bild: Imago

In 154 Länderspielen traf Abby Wambach 117 Mal für die USA. Nadine Angerer bezeichnet sie als »kleinen Elefanten« im Strafraum. Mit 27 Jahren lernte sie das Fußballspielen noch einmal neu. Jetzt will sie den WM-Titel.
US-Stürmerin Abby Wambach im Porträt - »Ich bin Old School« Es war ein bisschen wie bei der Märchenstunde: »Media-Day« bei der amerikanischen Nationalmannschaft. Abby Wambach sitzt im Kreise der Journalisten. Und alles lauscht gespannt.



Mit einer Tasse Espresso in der Hand parliert Wambach zu allem, was die vornehmlich amerikanischen Medienvertreter vor dem heutigen Spiel gegen Schweden so wissen wollen: Ob die immer strahlende Pia Sundhage denn nicht im Training auch mal rumschreie? Wie sie mit dem neuen Wind, den die Schwedin in Sachen Spielkultur mitbringt, klargekommen sind als Mannschaft? Wie hart das verlorene WM-Halbfinale 2007 war, wie wichtig ist diese WM? Und Wambach spricht. Lang und ausführlich.

Die 31-Jährige zählt zu jenen, die seit langem im Geschäft sind und die diese druckreifen Sätze sagen, die so vollmundig klingen und voller Selbstvertrauen. Der Gewinn eines WM-Titels zum Beispiel bedeute ihr viel, sagt Mary Abigail Wambach. Schließlich hat sie ihn, obwohl seit zehn Jahren in der Nationalmannschaft, noch nie erreicht und diese WM wird vermutlich die letzte Gelegenheit sein. »Das ist was Persönliches. Wenn wir nicht gewinnen, werde ich todunglücklich sein. Es ist ein großer Wunsch von mir.«

Bislang aber hat die stattliche Stürmerin, die sonst wie am Fließband Tore schießt (Nadine Angerer bezeichnete sie jüngst als »kleinen Elefanten« im Strafraum), noch nicht getroffen. Die fünf Tore, die die Amerikanerinnen in den Spielen gegen Kolumbien und Nordkorea erzielten, machten andere. Nicht Wambach, und auch nicht Sturmpartnerin Amy Rodriguez. Gegen Kolumbien hat Wambach ein halbes Dutzend Chancen vergeben und musste am Ende selbst grinsen, als wieder einer danebenging. Parallelen wurden schon zu Birgit Prinz gezogen, die gleiche Frage, ob der Zenit überschritten sei, gestellt. Wambach hat jede dieser Fragen souverän weggelächelt: »Wenn wir Weltmeister werden und ich keines dieser Tore geschossen habe, ist mir das so was von egal.«

Sie weiß: Sie hat eine neue Rolle im Team – wie alle anderen übrigens auch. Denn Pia Sundhage pflegt seit Amtsantritt Ende 2007 eine andere Spielphilosophie. Die Schwedin versucht den Amerikanerinnen, die Fußball bislang als Power und Athletik mit Ball interpretierten, den Kombinationsfußball näherzubringen. »Ich bin Old School«, sagt Wambach. Ihr erklärtes Lebensmotto: »Hart arbeiten, hart spielen.« Sundhage krempelte das Spiel um. Es war ein langer Prozess des Umdenkens, der durchaus mit Frust verbunden gewesen sei, sagt Wambach: »Ehrlich gesagt, ich war zu Beginn gelangweilt. Ich bekam keinen Ball mehr. Pia sagte mir, du musst Geduld haben. Ich war 27 und es schien, als würde ich das Spiel neu lernen.« Denn das gängige, lange erfolgreiche Muster hieß im US-Team bislang meist: Hohe Bälle nach vorn, am besten auf die 1,80-Meter-Frau Wambach, und die Sache war geritzt. 46 ihrer 117 Tore in 154 Länderspielen hat sie per Kopf erzielt. »Vor fünf Jahren hatte ich 30 Torchancen in einem Spiel. Jetzt sind es 10.«

Wambach, aufgewachsen im Staat New York als jüngstes von sieben Geschwistern, zählt zu den erfolgreichsten US-Fußballerinnen: Olympiasieg 2004, WM-Finale 2003, diverse Titel und Auszeichnungen mit ihren Klubs in Amerika und als Einzelspielerin. Mehrfach wurde sie zur Spielerin des Jahres in den USA gewählt. Selbst hat sie sich mal als »geborene Athletin« bezeichnet. Das WM-Halbfinale 2007, das 0:4 gegen Brasilien verloren ging, hat sie indes als »Blamage« in Erinnerung. Danach kam Sundhage, die Umstellung, die knappe WM-Qualifikation mit der überraschenden Niederlage der Frauenfußballweltmacht USA gegen Mexiko – und jetzt die zwei souveränen WM-Gruppensiege. »Wir haben gelernt, jeden Gegner zu respektieren«, sagt Wambach. Es klingt nach einer Läuterung des Weltranglistenersten.

Kann sein, dass Pia Sundhage sie heute gegen Schweden auf der Bank lässt, weil die Stürmerin gelb vorbelastet ist. Im Viertelfinale sind sie ohnehin schon. Da könnte Brasilien warten, der Gegner aus dem Halbfinale 2007. »Wir müssen alle Teams schlagen und wir werden alle Teams schlagen«, sagt Wambach. Es klingt durch und durch amerikanisch. Ihre Bulldoge »Kingston« kann übrigens sogar Skateboard fahren, ist im Medien-Handbuch des Verbands nachzulesen. Aber manchmal, sagt Abby Wambach, beneide sie Europa. »Weil Fußball hier so eine große Rolle spielt.«